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Vortrag zum Thema "Das Glockenspiel in München" von Tetsu Tanimura

1. Einleitung
2. Geschichte
3. Die Figuren
4. Die Schöffler
5. Schlussbemerkung

1. Einleitung

Das Glockenspiel am Marienplatz in München

Wenn man kurz vor elf Uhr zum Marienplatz geht, sieht man Tausende Leute, die mit halb-geöffnetem Mund da stehen und nach oben schauen. Diese Leute sind keine Münchner, sondern sie sind aus Preußen, Amerika und nicht zu vergessen, auch aus Japan. Sie stehen aufgeregt vor dem neuen Rathausturm. Das neue Rathaus sieht genau so alt aus wie die Frauenkirche, die 1488 im gotischen Stil gebaut wurde. Doch das Rathaus wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts fertig. Hier hat der Oberbürgermeister, Christian Ude, der zur Zeit Oktoberfest Bierfasszapfer wird, sein Büro. Das Münchner Kindl steht auf der Spitze des 85 m hohen schlanken Rathausturms. Aber um elf Uhr hat niemand Interesse für das Münchner Kindl. Was sie sehen wollen, ist nur das weltbekannteste Glockenspiel, das damals von Ludwig Thoma so verschmäht wurde. Aber ohne das Glockenspiel gibt es heutzutage keine Münchner-Stadtrundfahrt. Es ist eine touristische Attraktion wie der Eiffelturm in Paris geworden. Viele Leute kennen das Glockenspiel in München, doch die Münchner ignorieren es demonstrativ. Aber wie viel die einheimischen Bürger genau über das Glockenspiel wissen, ist fragwürdig. Wie viele Glocken hängen im Turm, wie viel Kupferfiguren, wann und von wem wurde es gestiftet? und so weiter.


2. Geschichte

Im Jahr 1908 wurde das Neue Rathaus von dem Architekten, Georg von Hauberriß vom Brüsseler beeinflusst im neogotischen Stil fertiggebaut. Es war die Zeit von Jugendstill, Simplicissimus, Blaue Reiter und Zeppelin. Im folgenden Jahr wurde das Glockenspiel mit Puppen auf einem Betonfundament von 305 qm 7, 5m tief gelegt. Der Grund des Baues war; 1904 wollte der spanische Konsul und Kommerzienrat Karl Rosipal 32.000 Goldmark für die Glocken im Rathaus stiften. Eigentlich soll Goldmark dieses Glockenspiel insgesamt 175.000 Goldmark gekostet haben. Der Turm hat 43 Glocken, es ist das größte Glockenspiel in Deutschland und das fünft größte in Europa (Nieuwpoot 67, Antwerpen 47 Lüttich und Genf je 44). Die kleinste Glocke hat einen Durchmesser von 18 cm und wiegt 10 kg, während der Durchmesser der größten 125 cm beträgt und ihr Gewicht mit 1300 kg angegeben wird. Die 43 Glocken wiegen insgesamt ungefähr 7000 kg. Das Glockenspiel besteht aus 32 lebensgroßen Kupferfiguren und man kann hier täglich das Schauspiel fast der ganzen bayerischen Geschichte sehen. Sobald es auf 11, 12 bzw. 17 Uhr zugeht, kommen die verschiedensten Leute aus aller Welt zum Beobachten.


3. Die Figuren

Die Hauptfigurengruppe erinnert an die Hochzeit von Hg. Wilhelm V. (damals war er noch Erbprinz) mit seiner Braut, Renat von Habsburg Lothringen im Jahr 1568. Der Hochzeitsumzug bewegt sich mit der zweiten Glockenmusik. Hinter einer Tafel sitzt das Paar, davor läuft ein Turnier ab. Der bayerische, also Wittelsbacher, Ritter hat eine golden Rüstung auf dem weißblau bekleideten Pferd an und der Gegner ist ein habsburgerischer Ritter in den Farben rot und weiß. Die beiden stoßen in der zweiten Runde einander an und es gewinnt natürlich der Wittelsbacher, also Bayer. Manche Münchner freuen sich immer noch, wenn sie es mit Österreichern zusammen anschauen. Die Zahl der Hochzeitfiguren sind 16. Das ist vielleicht ein Grund, warum Österreicher Bayern nicht mögen.

Diese Hochzeitfeier war das glänzendeste Fest des Jahrhunderts und in ganz Europa wurde noch jahrlang davon erzählt. Es kamen Fürsten oder ihre Abgesandten aus ganz Europa. Sogar in das Volksbuch von Dr. Faust ist diese Hochzeit eingegangen. übrigens ist der Dr. Faust ursprünglich keine Figur aus dem Roman Goethes, Er kommt schon in Berichten über Faust in älteren Zaubergeschichten anderer Autoren vor die schon 1587 gedruckt wurden. Dort bringt Faust aus Wittenberg drei prächtige Feste nach München. Drei Wochen dauerten die Festlichkeiten, 400 verschiedene Gerichte wurden aufgetischt, für die unter anderem 521 Ochsen ihr Leben lassen mussten. Das Fest soll zws. 100.000 bis 190.000 Gulden gekostet haben, ein für die damalige Zeit ungeheurer Preis, aber auch heutzutage wäre dieser Betrag sehr hoch.

Bei der Hochzeit hat sich folgendes zugetragen: Die Braut Renate von Lothringen wurde aus Neuhausen abgeholt, wo man für sie und ihren Bräutigam zwei Prachtzelte aufgestellt hatte. Von da aus setzte sich ein Zug mit 5640 Reitern in Richtung Innenstadt in Bewegung. Zu den Turnieren auf dem Schrannenplatz, heute Marienplatz, kamen Kämpfer und Pferde in sonderbarer Vermummung und Verkleidung. Da gerade Faschingszeit war, fand auch ein Kübelstechen statt. Die Ritter erschienen nicht gepanzert, sondern dick mit Heu gepolstert und einem Kübel auf dem Kopf. Zum Vergnügen der Zuschauer mussten sie versuchen, sich gegenseitig mit langen Lanzen die Kübel vom Kopf zu stoßen. Das Hochzeitsfest war grausam herrlich. Drei Wochen später mussten alle Münchner Bürger zum Bader gehen. Der Bader war damals nicht nur Badeknecht, auch Friseur, Arzt, sogar Zahnarzt in einer Person. Die meisten Bürger hatten sich die Magen verdorben und mussten behandelt werden.


4. Die Schöffler

Unter der Figurengruppe sehen wir die tanzenden Schöffler. Schöffler sind Handwerker, die Fässer und andere Gefäße aus Holz herstellen. Sie waren es laut der Legende, die 1517 nach einer furchtbaren Pestepidemie wieder auf die Straßen von München gingen, um durch ihren Tanz die verängstigten Bürger aufzumuntern und ihnen neuen Lebensmut zu geben. Damals war die Pestepidemie ein grausame Krankheit und viele Leute starben nach Schüttelfrost und unerträglichen Kopfschmerzen. Viele Menschen starben schon am ersten Tag der Erkrankung, andere innerhalb von sieben Tagen und nur wenige kamen mit dem Leben davon. In der Zeit von 1349 bis 1690 wurde München 25 mal von der Pest heimgesucht. Im Winter 1635 wurden von 20.000 Einwohnern 15.000 von der Pest umgebracht. Das war die Zeit vom 30 jährigen Krieg: München wurde von den Schweden besetzt und die Fremden haben vermutlich die Epidemie gebracht.

Ob die Pestepidemie 1517 nach München gekommen ist, kann man historisch nicht beweisen. Man findet in der Zeit von 1517 keine Pestmeldung. Die Schöfflerzunft gibt es heute noch und die Schöffler führen alle sieben Jahre in der Faschingszeit ihren Tanz vor. Der letzten Tanz war 1998. Traditionsgemäß findet die Premiere vor dem ersten Repräsentanten des Freistaats Bayern statt, also vor dem Ministerpräsidenten. 

Touristen sind glücklich genug, wenn sie vor dem Rathaus das Glockenspiel anschauen. Die acht Tanzfiguren und der auf einem Fass stehende Hanswurst im Glockenspiel setzen sich beim dritten Musikstück in Bewegung. Sie haben weinroten Jacken mit gelbem Schürzenfell an. Nach dem Schöfflertanz hört man die vierte Musik, aber die Kupferpuppen bewegen sich nicht. Dann wollen die Touristen zum nächsten Reiseziel, vielleicht schnell zur Pinakothek oder zum Alten Peter. Aber das tun die echten Glockenspieler-Kenner nicht. Die warten bis zum Ende der langweiligen Musik. Sobald die vierte Musik fertig ist, kräht der golden Hahn auf dem Dach von der Hochzeitszene "Kikeriki". Aber ich, nach meiner persönlichen Meinung, höre nur auf Japanisch "Koke kokkoh".


5. Schlussbemerkung

Zum Schluss sei nicht vergessen, daß das Glockenspiel nicht nur um 11, 12 und 17 Uhr gespielt wird. Ein kleines, selbst vielen Münchnern nicht bekanntes Glockenspiel gibt es täglich abends um 21 Uhr. In den Erkern des 7. Geschosses erscheinen ein Münchner Nachtwächter, der auf seinem Horn bläst, sowie ein Engel, der das "Münchner Kindel" segnet. Aus dem linken Erker, neben dem goldglänzenden Hahn, tritt der Nachtwächter hervor und dreht seine Runde zum Nachtwächterruf aus Richard Wagners "Meistersinger", dann erscheint im rechten Erker das Münchner Kindl, gefolgt vom Engel zum "Wiegenlied" von Brahms. In München sagt man "Das Münchner Kindl wird ins Bett gebracht". Das sehenswerte, romantische Spiel dauert nur 2 Minuten. Wenn man das beide Glockenspiele mittags und nachts sieht, wird man schließlich ein wirklicher Münchenkenner.

Obwohl wir in München wohnen, ignorieren wir oft das Glockenspiel. Aber schau mal, ob "es sau guat ist!"


(c) 1999-2017 B. Slominski, Letzte Änderung: 9.8.2005